Angewandte Queer Theory

Doch mal eine gute Nachricht von Judith Butler: Am Samstag hat sie beim Berliner CSD den Preis für Zivilcourage zurückgewiesen. In der Begründung verwies sie auf Rassismus in den Reihen der Veranstaltenden und kritisierte die zunehmende De-Politisierung des CSD. Stattdessen schlug sie eine Preisverleihung an Gladt, Les MigraS, SUSPECT oder Reach Out vor. Außerdem machte sie Werbung für den Transgenialen CSD, der am 26. Juni in Berlin stattfindet.

Peinlich war allerdings die darauffolgende Reaktion der Moderatoren:

Bei den Moderatoren Jan Salloch und Ole Lehmann bewirkte ebendiese Kritik jedoch Gesichtsentgleisung. Anstatt sich in irgendeiner Art mit der Rede auseinanderzusetzen, fiel ihnen nichts anderes ein, als den Vorwurf des Rassismus weit von sich zu weisen und die ca. 50 Queers of Colour und Verbündete, die zu Butlers Unterstützung gekommen waren, mit den Worten zu beschimpfen: „Ihr könnt so laut schreien, wie Ihr wollt, Ihr seid nicht die Mehrheit. Es reicht.“ Dem folgt die zur Kulisse des Brandenburger Tors passende Imperialismusphantasie: „Der CSD macht einfach weiter in seinem Programm.. egal was ist.. weltweit und auch hier in Berlin.. So wird es immer sein und so bleibt es auch.‘

(via)

Peinlich ist auch die Beleidigte-Leberwurst Reaktion der Taz: In dem Artikel „Judith Butler drückt die Spaßbremse“ bezeichnet sie den Auftritt als „Eklat“. Die Taz zeigt, dass sie die Kritik am CSD offensichtlich nicht verstanden hat, indem sie in erster Linie darauf verweist, dass Butler den Preis nicht annehmen könne, weil „die Veranstaltung […] ihr zu kommerziell und oberflächlich“ sei. Rassismus zu thematisieren, geht offenbar auch der Taz zu weit. Und das, wo selbst das derzeitige Cover der „queeren“ Stadtzeitschrift Berlin Siegessäule in der Hinsicht mehr als daneben ist: Der Titel „Bunt für’s Leben – Warum Vielfalt bereichert“ ist einerseits ein krasser sprachlicher Fehlgriff, andererseits ein Hinweis auf die vorherrschende exotisierende Denke der Zeitschrift, dass Migrant_innen eine ja ach so nette Bereicherung sein können – wenn ihnen gerade mal nicht pauschal Homophobie unterstellt wird. Da kommt die Kritik Butlers an dieser Stelle gerade richtig.

Zu sehen ist die Rede Butlers und die Reaktion der Moderatoren auch in diesem Video:

Wenn Butler dann noch ihre Aussagen zu Hamas und Hizbollah überdenkt und revidiert, wäre ich schon fast wieder ein Fan von ihr…


2 Antworten auf „Angewandte Queer Theory“


  1. 1 blablablubb 21. Juni 2010 um 10:12 Uhr

    Hm find den von dir zietierten Artikel der taz gar nicht so schlecht. Das nicht auf die anderen Organisationen hingewiesen wird stimmt, aber schon auch auf die Begründung der Ablehnung, nämlich rassismus, außerdem werden gerade Befürworter der Ablehnung zitiert. Und auch der Kommentar der taz z.B. ist für die Ablehnung des Preises. Ich mag die taz ja auch nicht so gerne, aber so richtig versteh ich deine Reaktion doch nicht.

  2. 2 what 21. Juni 2010 um 14:47 Uhr

    ich meine ich hätte erst auch noch einen anderen kommentar in der taz gelesen, den ich später dann nicht mehr gefunden habe. der verlinkte artikel ist aber durchweg so im konjunktiv geschrieben, dass die distanz der taz zur aussage butlers sehr deutlich wird. und der positive kommentar in der taz kommt von der geschäftsführerin von gladt…

    ah, jetzt habe ich den anderen artikel auch noch gefunden: http://www.taz.de/1/leben/koepfe/artikel/1/judith-butler-spielt-nicht-mit/

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