Deutschland, wir wissen wo dein Auto steht

… eine WM-Nachlese.

Eigentlich wollte ich mich ja gar nicht mehr äußern zu dieser „Fahnenstreit“-Geschichte. Gedanken gemacht habe ich mir schon darüber, dass viele Migrant_innen in Neukölln (und anderswo in Berlin) Deutschland und die deutsche Männer-Mannschaft des DFB bei der FIFA-Männerfußball-WM abfeierten. Autos mit einer Türkei-, Palästina und Deutschlandfahne machten jedenfalls klar, dass es hierbei nicht um das reine Bekenntnis zu einem Fußballteam ging und dass Nationen und Nationalismus ganz unangenehme Veranstaltungen sind. Und es ist ja auch ziemlich egal, wer sich nun gerade zu dem nationalen Zwangskollektiv Deutschland bekennt. Nicht vergessen werden darf hingegen, dass nun zwischen den „integrierten, flaggentragenden“ Migrant_innen und den „Anderen“ unterschieden werden kann, wie Martin Endemann von Baff in der taz feststellt:

„Das sind ja nicht andere Deutschlandfans, nur weil sie Migranten sind“, wundert sich Endemann über die Diskussion, die wegen des Neuköllner Fahnenstreits entbrannt ist. Dass der neue Patriotismus entspannter sein soll, ist für ihn ein Mythos. „Es werden ja trotzdem Unterschiede gemacht, jetzt eben zwischen den Migranten, die flaggen, und solchen, die nicht flaggen.“

Die autonome Neuköllner Antifa hat zu diesem Thema einen Text geschrieben. Darin skizziert sie Nationalismus

als Eintrittskarte und Mitmachangebot für ansonsten durch institutionalisierten und alltäglichen Rassismus marginalisierte Menschen.

Unter der Überschrift „Integration – Nein, Danke!“ findet sich außerdem die folgende Feststellung:

Ein Schlagwort das in der Debatte immer wieder auftaucht und leider viel zu häufig unkritisch reproduziert wird, ist das der Integration. Hinter dem Wort Integration steht dabei ein rassistisches wie ausgesprochen wirkmächtiges Konzept. Es ist kein Konzept, dass gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe von Migrant_innen zum Ziel hat, sondern vielmehr die Anpassung der Migrant_innen an den gesellschaftlichen Idealtypus der deutschen Mehrheitsgesellschaft propagiert und somit auf die Errichtung einer homogenen und scheinbar wiederspruchlosen Gesellschaft, geeint in einer „deutschen Leitkultur“, ausgerichtet ist.

In der Jungle World, dem bekannten antideutschen Wochenblatt, findet sich dagegen ein Artikel, der sich gegen den Deutschlandfahnenklau ausspricht und ein unverkrampftes Fußballfan-Funpatriotismus-Dasein propagiert:

Die selbstgestellte Aufgabe diverser Autonomengruppen bei dieser WM war es nämlich, sich stolz im Internet zu präsentierten, vor Haufen von schwarz-rot-goldenen Wimpeln, Fähnchen und Girlanden, die sie auch nach den Festen auf der Fanmeile aus den Mülleimern gezogen haben könnten. Diese Fahnensammelei war dann ganz schrecklich antinational und ein Beitrag zur Verhinderung des Dritten Weltkriegs, den Deutschland gerade plant. Wahrscheinlich gehört das neue Bild der deutschen Nationalmannschaft mit zum deutschen Plan, der Welt eine hübsche Maske zu zeigen, vor der man sich um so mehr fürchten sollte. Man kennt das ja aus der deutschen Geschichte. An die Stelle des hässlichen Effizienzfußballs vergangener Tage, der so teutonisch wirkte wie eine Wagner-Oper, trat virtuoser Spaßfußball, der Engländer und Argentinier so verblüffte, dass sie erst gar nicht versuchten, dagegenzuhalten. Eine deutsche Mannschaft trat da in Südafrika an, bei der Reporter im Ausland verzweifelt ihren Zuschauern erklären mussten, dass die Deutschen jetzt Khedira und Özil heißen und nicht mehr Fritz oder Matthäus. Aus den hässlichen Deutschen, die noch in den Achtzigern jede gegnerische Mannschaft mit ihren Blutgrätschen in Angst und Schrecken versetzt hatten, war eine junge Gute-Laune-Truppe geworden, an der sich jetzt Brasilien ein Vorbild nimmt, das sich selbst erneuern möchte, um endlich wieder so aufregend zu spielen wie streckenweise Deutschland bei dieser WM.

Auch die Sache mit der Integration hat der Autor Boris Heyne nicht so richtig verstanden:

Doch diese Au­tonomen benutzen Migranten, um ihre eigenen Identitätskonflikte auszufechten, und das ist bestenfalls peinlich. Das wird auch klar, wenn man auf die Homepage von »Fahnenflucht« schaut, wo der kleinkarierte Fahnenstreit ausgetragen wird. »Integration – Nein, Danke!« heißt es dort beispielsweise. Dabei sollten darüber, ob sich jemand integrieren will oder nicht, nicht irgendwelche linken Blutsdeutsche mit zu viel Langeweile zu bestimmen haben.

Möglicherweise weiß er nicht, dass diese Überschrift von der gleichnamigen Kampagne einer Migrant_innenselbstorganisation stammt. Möglicheweise möchte der Autor auch einfach weiterhin

Fahrräder sinnlos mit möglichst vielen Flaggen […] schmücken, [denn] ironisches Schwarz-Rot-Gold-Kettchen-Tragen war in jeder Hipsterkneipe angesagt.

Außer in der Tristeza. Vielleicht ist das ja doch noch keine Hipster-Kneipe. Falls jedenfalls irgendjemand Ironie in dem Jungle World Artikel gefunden hat, möge er_sie mir diese Erkenntnis doch mitteilen. Ansonsten bin ich erstmal etwas verstört darüber, dass Antideutsche jetzt wieder unverkrampft ihre Deutschlandfahnen wehen lassen wollen. Und dass sie beleidigt sind, wenn „trostlose Autonome“ sie ihnen wegnehmen.

Antirassistisches Bündnis NeuköllnAntirassistisches Bündnis Neukölln

Kommando Kevin Prince-Boateng Berlin-OstKommando Kevin Prince-Boateng Berlin-Ost

PS: In derselben Ausgabe der Jungle World findet sich außerdem noch ein Artikel, in dem beklagt wird, dass Linke nicht in Würde liberal werden können. Dort heißt es:

»Ich will nicht Jutta Ditfurth sein«, bekennt Klingelschmitt in der Taz. Das kann ihm niemand verübeln. Es hat aber auch niemand von ihm verlangt, Jutta Ditfurth zu werden. Er möchte kein Linker mehr sein, sondern »als was anderes firmieren«. Das hat ihm keiner verboten, ist ja ein freies Land hier. Doch man muss deshalb nicht zu einem fahnenschwenkenden Patrioten mutieren. Einen linken »Beißreflex beim Deutschlandfähnchen« entdeckte Klingelschmitt, sowie Warnungen »vor einem Vierten Reich, das da bald kommen werde«. Diese Kritik kommt rund 20 Jahre zu spät. Doch was zählen ein paar Jahre, wenn es darum geht, jene zu schützen, die »überall im Lande die multikulturelle deutsche Fußballnationalmannschaft ganz zu Recht euphorisch feiern«.

Vielleicht demnächst mal die eigene Zeitung lesen, bevor man mit dem Taz-Bashing anfängt?


2 Antworten auf „Deutschland, wir wissen wo dein Auto steht“


  1. 1 junge welt 20. Juli 2010 um 23:28 Uhr

    Den ersten von dir zitierten Jungle World Artikel fand ich auch furchtbar, den zweiten hab ich aber anders gelesen, quasi als Gegenteil.
    Hab eher verstanden als würde sich über Klingelschmitt aufgeregt

  2. 2 what 21. Juli 2010 um 12:03 Uhr

    habe ich auch so verstanden. ich wollte zum ausdruck bringen, dass ich es merkwürdig finde, wenn man sich über klingelschmitt und die taz aufregt und gleichzeitig in der eigenen zeitung genau solche positionen veröffentlicht werden.

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