Dresden und die Folgen

Eine Woche nach Dresden gibt es einiges an Diskussionen zu dem verhinderten Nazi-Aufmarsch. Nicht alle wollen sich in den Hype um die erfolgreichen no pasarán-Blockaden einreihen. Kritik übte zum Beispiel die Antifa Freiberg mit ihrem Text „Und alle gegen Nazis!“, in dem sie die Bedeutsamkeit von Nazi-Großaufmärschen für die Nazi-Szene bezweifeln:

Der Trauermarsch stößt also auf große Ablehnung, ist schlecht für das Image der Stadt und wird deswegen von Politik und Presse bekämpft. Er ist insofern irrelevant, als dass er seine Symbolwirkung für die Naziszene wohl auch trotz Blockaden erfüllt und die dahinter stehende Ideologie die selbe bleibt, unabhängig davon, ob die Nazis ein paar Kilometer laufen, oder ein paar Stunden frieren.

Auch wenn die anschließende Kritik am Dresdner Opfermythos und der fehlenden inhaltlichen Auseinandersetzung vieler Antifa-Gruppen damit durchaus seine Berechtigung hat, läuft der Text hier doch um einiges an der Realität vorbei. Erstens stößt der Trauermarsch erst seit diesem Jahr auf eine spürbare Ablehnung durch Dresdner Politiker_innen, und das auch eher gezwungenermaßen, als sich eine so große Mobilisierung von Antifa-Seite abzeichnete. Zweitens zeigt das Rumgeheule der Nazis im Internet deutlich, welche symbolische Machtdemonstration ihnen da am 13. Februar flöten gegangen ist. Und es ist ihnen ganz und gar nicht egal, dass sie ein paar Stunden rumstehen und frieren mussten und schon bei der Anreise einige Schwierigkeiten hatten. Auch der (durchaus richtige) Verweis auf die Wichtigkeit von antifaschistischem Engagement auf dem platten Land

Notwendig wäre außerdem eine konsequente antifaschistische Intervention im ländlichen Raum, die vor allem darin besteht, Nazis dort entgegenzutreten, wo sie Jugendklubs und peer groups bestimmen und ihren Nachwuchs rekrutieren. […] In Dresden treffen sich tausende Nazis nur einmal im Jahr, in ihren Herkunftsregionen wirken sie aber permanent. Das ist die konkrete Gefahr, die von Nazis heute ausgeht und dagegen nützt Symbolpolitik, wie sie in Dresden zelebriert wurde, nichts; im Gegenteil, sie vernebelt den Blick.

ist wenig stichhaltig, wenn verkannt wird, dass gerade in solchen Nazigroßevents eine bedeutende Integrationsfunktion für die Nazi-Szene besteht. Dort lernen angehende Dorfnazi-Kader überregional tätige, langjährig aktive Neonazi-Größen kennen, jugendliche Subkultur- und Sauf-Nazis verstehen bei diesen Events erst so richtig, was es bedeutet, Politik zu machen, und alle gemeinsam schaffen sich eine Neonazi-Einheitsfront von Autonomen Nationalisten über Freie Kameradschaften und NPD bis zur Neuen Rechten. Deutlich wird diese integrative Kraft des Großaufmarsches auch an den internen Streitigkeiten, die auf Altermedia ausgetragen werden: Worch fordert eine Neuauflage des Sternmarsches (der schon 2006 in Leipzig wenig erfolgreich war) und Autonome Nationalisten empfehlen die notfalls gewaltsame Durchsetzung ihres Aufmarsches. Unterhaltsam ist es außerdem, wenn „Freie Kräfte“ aus Norddeutschland über die missglückte Anreise klagen und wenn sich die alten Kiez-Nazis Thorsten de Vries und Volker Fuchs auf Altermedia gegenseitig bedrohen und „Friese Hamburg“ über seine (ehemaligen?) Kameraden ordentlich auspackt (verlinken möchte ich das hier nicht, aber guckt es euch an, es lohnt sich!).

Auch am rechten Rand der Mitte der Gesellschaft gibt es einige recht eigenwillige Positionen zum 13. Februar in Dresden: Der „Politologe“ Eckhard Jesse bedauert die Verhinderung des Naziaufmarsches als „eine Niederlage für den Rechtsstaat“. Die Deutsche Polizeigewerkschaft Sachsen veröffentlicht eine Pressemitteilung, die sich anhört, als sei sie von Nazis geschrieben. Der Endstation-Rechts Betreiber Mathias Brodkorb, der sich immermehr selbst der Neuen Rechten annähert, fordert mit Kubitschek einen nationalen Gedenktag für die „deutschen Kriegs- und Gewaltopfer“ und bedauert die Diskreditierung des Dresdner Gedenkens durch den Naziaufmarsch der JLO. Gruselig, diese Mitte der Gesellschaft.


1 Antwort auf „Dresden und die Folgen“


  1. 1 Dresden und die Folgen « Antifaschistische Gruppe Freiberg Pingback am 28. Februar 2010 um 19:38 Uhr
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