Geschichtsrevisionismus und no pasaran

Da hat sich jemand den Aufruf von no pasaran anscheinend gründlicher durchgelesen als ich: In der aktuellen Jungle World findet sich ein Beitrag von Ivo Bozic, der den Geschichtsrevisionismus in und um Dresden kritisch beleuchtet. Und eben unter anderem auch den Geschichtsrevisionismus des no pasaran-Bündnisses:

Im aktuellen Aufruf von »No Pasarán« ist zu lesen, wie das Bündnis, das vor allem von der Antifaschistischen Linken Berlin (ALB) organisiert wurde, die Argumentation der Nazis »kritisiert«: »Der Angriff auf Dresden sei ein Angriff auf das ›deutsche Volk‹ gewesen und damit gleichzeitig auf das ›wahre Deutschland‹, welches wiederum gleichbedeutend ist mit dem Nationalsozialismus. Im gedachten nationalsozialistischen Kollektiv von damals bis heute werden die Toten für die Neonazis zu ›ihren‹ Toten, sie werden zu Stellvertreterinnen und Stellvertretern des nationalsozialistischen Systems.« Anders formuliert, erklärt die Antifa hier nichts anderes, als dass die Toten von Dresden nicht Teil eines nationalsozialistischen Kollektivs gewesen seien, sondern unschuldige Opfer, die nun von den Nazis vereinnahmt würden. Hier betätigt sich das Anti-Nazi-Bündnis selbst geschichtsrevisionistisch. Nicht nur, weil die Rede von den Deutschen als Opfern weitergeführt wird, sondern auch, weil gerade Dresden die Stadt mit der höchsten Dichte an NSDAP-Mitgliedern überhaupt war, wie Gunnar Schubert in dem Buch »Die kollektive Unschuld« (Konkret-Verlag) dargelegt hat.

Na dann passt es ja auch irgendwie wieder mit den Plakaten und dem Mobi-Video.


6 Antworten auf „Geschichtsrevisionismus und no pasaran“


  1. 1 watt, wer bist du denn? 30. Januar 2010 um 21:02 Uhr

    [“Beleidigung“ gelöscht. Schonmal was von Disability Forschung gehört und wie konstruiert Begriffe wie „beschränkt“ sind und wie normierend sie wirken? Bist du überhaupt links? what] Was passt da bitteschön mit den Plakaten bzw. der zugrunde liegenden Kunstaktion zusammen? Die hast du offenbar immer noch nicht begriffen…

    Der Bozic hat wohl irgendeine Privatfehde mit der ALB zu laufen, dass er sich krampfhaft so einen Unsinn aus den Fingern saugen muss. Da steht nirgendwo, dass es nicht eine hohe Dichte an NSDAP-Wähler gegeben hat (btw. hat es auch eine hohe Dichte an KPD und SPD-Wählern gegeben, die Stadt war eben allgemein auch stärker polarisiert). Es gab kein geschlossenes Kollektiv, was B. mit seinem Argument nur bestätigt. Viele NSDAP-Wähler sind eben nicht alle. Die 25 Juden, die es in dem einen Judenhaus getroffen hat, gehörten sicher nicht dazu, genauso wenig wie die 400 gestorbenen politischen Gefangenen im Gefängnis Mathildenstraße. Ganz davon abgesehen, dass mit Sicherheit auch von den frei rumlaufenden Menschen nicht alle, wenn auch viele, begeisterte Nazis gewesen sind. Das lässt sich aber eben im Nachhinein schwer eruieren, welcher Tote jetzt in die richtige und die falsche Kategorie Opfer gehört, deswegen sollte man solche Totalpauschalisierungen auch lieber unterlassen. Aber offenbar gilt Pauschalisiserung als radicaler schick, obwohl es sich um das Gegenteil von Nachdenken handelt.

  2. 2 what 31. Januar 2010 um 12:33 Uhr

    welcher Tote jetzt in die richtige und die falsche Kategorie Opfer gehört

    Falsch: es gibt nur die Kategorien „Opfer“ und „Täter“. Es gibt Gedenktage und Gedenkorte, um an die Opfer des Nationalsozialismus zu denken und um sie zu trauern. Dresden gehört nicht dazu. Geh doch mit den anderen am 13. Februar trauern… aber bitte lass mich damit in Ruhe!

  3. 3 tüdelü 31. Januar 2010 um 18:36 Uhr

    Generell: Es gibt KEINE Kategorie „Oper“ und „Täter“. Die Grauzonen sind unendlich, das ist aber in der Forschung seit langem bekannt. Ist der Insasse in Ausschwitz, der wegen seiner guten Fähigkeiten Mengele als Fotograf zur Seite gestellt wird und in dessen Auftrag Menschen „sichtet“ Opfer oder Täter? Ist der Kapo für einen Block Opfer oder Täter?
    Einseitig zwischen „Opfer“ und „Täter“ zu unterscheiden heißt, die Mentalitätsgeschichte ab 1918/19 komplett zu vernachlässigen. Man muss immer fragen, wer inwiefern und in welcher Hinsicht Anhänger, Befürworter, Vorreiter oder Vorkämpfer der NSDAP war (und selbst die hatte einen linken Flügel unter Strasser, der ideologisch nah bei den Vorstellungen des linken Sozialismus liegt, schaut man sich die Texte der „Weltbühne“ und die der „Neuen Blätter zum Sozialismus“ um 1930 an). Weiter noch, gab es einen Teil der Bevölkerung, der schlichtweg abgewartet hat in der Annahme, Hitler wäre lediglich ein Intermezzo und würde sich über kurz oder lang selbst erledigen. Sind solche Menschen Opfer? Täter?

    Zum Schluss möchte ich anmerken, dass es riskant ist, jemanden zu bitten, mit den Nazis in Dresden trauern zu gehen, der lediglich angemerkt hat, dass es zu pauschal sei, das Bombardement von Dresden als „gerechtfertigt“ hinzustellen, denn das war es nicht. Nur, weil man diese Art von bewusstem Töten ziviler Bevölkerung im Krieg ablehnt, ist man nicht gleich ein Nazi.

  4. 4 T 31. Januar 2010 um 18:46 Uhr

    Es ist natürlich schwer, wenn ein Tag, wie der 13.02. von Neonazis vereinnahmt wird, dann in einer angemessenen Weise zu trauern über/gedenken an/erinnern an die, die „unschuldige“ Opfer des Bombenangriffes waren…
    Dennoch weichst du mit der Antwort der eigentlichen Kritik aus. Denn nur weil Neonazis den Tag vereinnahmt haben, heißt es nicht, dass alle „Opfer“ des Bombenangriffes Nazis waren.

    „Geh doch mit den anderen am 13. Februar trauern… aber bitte lass mich damit in Ruhe!“
    ist ein einfach gemachter (peinlicher) Ausweg

    Nur weil mensch die Bombadierung als Mittel ablehnt, bzw. deren Rechtfertigung nicht einsieht, ist mensch kein Nazi.

  5. 5 what 04. Februar 2010 um 20:39 Uhr

    @ tüdelü: Ich habe niemandem nahegelegt, mit den Nazis trauern zu gehen. Am 13. Februar trauert eben auch die Bürgermeisterin Dresdens und ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung. Dass du davon ausgehst, dass nur die Nazis trauern ist sehr erstaunlich und vielleicht ein Grund dafür, dass du meine Kategorisierung nicht nachvollziehen kannst. Für mich sind auch diejenigen Deutschen Täter, die eben einfach nichts getan haben.

    @ T: Das Problem ist ja nicht, dass „die Nazis den Tag vereinnahmt haben“, sondern dass der Tag und das öffentliche Gedenken an sich sehr anschlussfähig sind. Es gibt dort eben Überschneidungen in der Intention des Gedenkens, vor allem wenn das Gedenken von der Stadt choreographiert wird wie in Dresden. Es lässt sich nicht so leicht in das gute und das schlechte Gedenken differenzieren. Und wenn man die Rechtfertigung der Bombardierung (nämlich die Zerschlagung Nazi-Deutschlands) nicht einsieht, ist man sehr wohl ein Nazi. Dazu auch ein Zitat aus dem Schwur von Buchenwald:

    Wir danken den verbündeten Armeen, der Amerikaner, Engländer, Sowjets und allen Freiheitsarmeen, die uns und der gesamten Welt Frieden und das Leben erkämpfen.

  6. 6 T 09. Februar 2010 um 12:48 Uhr

    da mit der Rechtfertigung hast du natürlich Recht. Das war blöd formuliert…mir ging es eher um Bombadierung als gerechtfertigtes Mittel…also die Bombardierung als Mittel war unter den und den Gegebenheiten eine „vernünftige/richtige“ Wahl…so etwas in die Richtung…

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