Die Projektion der Projektion

Auch das erste Mobilisierungsvideo gegen den Naziaufmarsch in Dresden des „no pasaran“-Bündnisses spielt mit der vermeintlichen Besonderheit des Ortes „Frauenkirche“. Projiziert werden marschierende Truppen, siegheilende Nazis und der Spruch „Nie wieder Faschismus“ in verschiedenen Sprachen. Allerdings nicht nur an die Frauenkirche, sondern auch auf andere bekannte Dresdner Sehenswürdigkeiten. Deklariert wird das ganze als „Kunstaktion“ und übertitelt mit dem Spruch „Schattenbilder der Vergangenheit“.
Was hier stattfindet, so gut es auch gemeint gewesen sein mag, ist eine Projektion der Projektion. Was nicht zu sehen ist, wird mitprojiziert: Die Bedeutung der Dresdner Sehenswürdigkeiten wird hervorgehoben, und damit die Selbstdarstellung der Stadt als unschuldige Kunst- und Kulturstadt reproduziert. Der Mythos Dresden selbst wird an die Baudenkmäler angestrahlt. Umso erstaunlicher ist es, dass die Gruppe Avanti (Mitglied im no pasaran Bündnis) in ihrem Aufruf schreibt:

Die Inszenierung um den Wiederaufbau der Frauenkirche zum Sinnbild der Mahnung gegen den Krieg und der Völkerverständigung diente zudem auch dem Aufbau eines neuen Images für die Stadt als Touristenmagnet

und am Ende des Textes erkennt:

Vielmehr müssen wir unsere Aktivitäten am 13. Februar als Teil einer längerfristigen Auseinandersetzung begreifen, in der wir einerseits den Naziaufmarsch selbst und andererseits den Dresdner Mythos sowie den gesamtdeutschen Opfermythos angreifen.

Mit solchen Plakaten und einem solchen Mobilisierungsvideo dürfte das Aufbrechen des Opfermythos Dresden allerdings nur schwerlich möglich sein. Hier noch ein Link zu dem Aufruf von venceremos, der das Problem des Umgangs der radikalen Linken mit dem Opfermythos ebenfalls thematisiert.


2 Antworten auf „Die Projektion der Projektion“


  1. 1 osbertel 01. Februar 2010 um 17:39 Uhr

    >Was hier stattfindet, so gut es auch gemeint gewesen sein mag, ist eine Projektion der Projektion. Was nicht zu sehen ist, wird mitprojiziert: Die Bedeutung der Dresdner Sehenswürdigkeiten wird hervorgehoben, und damit die Selbstdarstellung der Stadt als unschuldige Kunst- und Kulturstadt reproduziert

    Das Problem ist doch, dass dieser Mythos im Wiederaufbau der Frauenkirche Realität geworden ist: sie ist das Symbol für einen nachholenden deutschen Sieg. Was auch daran deutlich wird, dass die Frauenkirche beispielsweise im neuen Versammlungsgesetz einer der geschützen Orte ist. Nur weil die Gebäude gezeigt werden, wird mitnichten der Mythos reproduziert — im Gegenteil kritisiert: die Orte werden repolitisiert, kontextualisiert.

  2. 2 what 04. Februar 2010 um 20:29 Uhr

    Aber an welchem Moment war die Frauenkirche denn entpolitisiert? Der „nachholende deutsche Sieg“ wird durch das wiederholte Zeigen der Orte (und mit dem Zusatz eben „die Orte der Geschichte“ zu sein) doch nur weiter festgeschrieben…

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